Sprossenwand und Maya-Hocker

Luise Kaller, 64, seit 41 Jahren Hebamme, hat 10.000 Kindern ins Leben geholfen.

Wenn ich mal bei einem Freiluftkonzert in der Waldbühne bin, hier in Berlin, und auf die Tribüne gegenüber schaue, dann denke ich: Das könnten alles meine Kinder sein.

Die Sprossenwand in der Kreißsaalecke? »Ich habe noch nie eine Frau erlebt, die so entbunden hat«, sagt sie. Zwar biete das Krankenhaus längst auch Unterwassergeburten an, einen Maya-Gebärhocker, ein afrikanisches Geburtsseil und ein Geburtsrad, »aber am Ende«, sagt Kaller, »liegen die meisten doch hier im Bett«.

Ich besuche eine Frau in ihrer zwanzigsten Woche zu Hause in ihrer Wohnung – und da hängen die Ultraschallbilder, gerahmt. Da ist das Kind noch Fötus, heißt aber schon Helene oder Maximilian. Eine Frau ist heute nicht mehr nebenbei schwanger. Sie ist nicht mehr nur guter Hoffnung, sondern ebenso sehr in angespannter Erwartung. Konzentriert, fixiert, überinformiert. Ich sage das nicht als Vorwurf an meine Frauen, sondern mit Bedauern.

Mittlerweile glaube ich, eine Schwangerschaft ist für viele Frauen heute eine fremde Erfahrung. Nicht nur aus demografischer Sicht. Sie ist schlicht das Gegenteil zum Alltag. Da lässt sich so viel planen, ist jeder jederzeit zu erreichen, sind die Wege im Vorfeld klar, hat man ein Navigationsgerät – aber das Baby da im Bauch, das hat kein Handy, das schreibt auch keine Mail. Das ist ganz nah und unglaublich weit weg. Man hat keinen Einfluss. Früher waren sich Alltag und Schwangerschaft ähnlicher. Auf ein Kind warten und auf die Ernte. Nicht genau wissen, was wird. Das macht die Frauen heute nervös. Deshalb bereiten sie sich besonders akribisch vor.

Diejenigen Frauen, die sich besonders akribisch vorbereitet haben, bis ins kleinste Detail, die kommen so kopfgesteuert im Kreißsaal an, dass sie kaum loslassen können. Die haben Wehensingen gelernt und sind verunsichert, wenn sie merken, dass sie doch nur schreien. Ich sage dann immer: Singen oder schreien – egal! Hauptsache, laut. Man kann nicht oben schreien und unten zukneifen.

Meine Paare staunen oft, dass ich das Gewicht ihrer Kinder vor der Geburt fast immer genauer schätze als der Ultraschall. Durch Tasten. Das ist meine innere Wette jedes Mal: Wer gewinnt – Maschine oder Mensch? Heute Nacht habe ich auch nur zehn Gramm danebengelegen.

Ein klasse Interview mit einer klasse Frau, die sich lachend eine preußische Hebamme nennt und über Alibibeschäftigungen für Väter, Wagner im Kreißsaal und über das Leben und den Tod redet. Vor allem aber über das Leben. Und falls ich in diesem meinem Leben jemals erneut die semiaktive Rolle im Kreißsaal übernehmen sollte, dann laß es bitte bei dieser Frau sein ;o))

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